Donnerstag 3.8.2017
Sämtliche Schleusen geschafft, heute Liegetag in Povenets. Morgens proviantieren, mittags kam Konstantin Timonin, Vizepräsident der Kanalbehörde Belomorsk/Onega an Bord, ein sehr freundlicher und weltoffener Mann, ehemaliger Handelsschiffskapitän, der uns dann in die größere Stadt Medvesegorsk gefahren hat. Dort erfuhren wir vom Direktor des Regionalmuseums viel über das Leben in Karelien und den Bau des Belomorsk-Kanals. Anschließend gab es Tee zuhause bei Konstantin.
Wir besuchten den historischen Bahnhof und bestiegen mit Aussicht auf den Onega-See gemeinsam einen Hügel , in den die an der Seite der Nazis kämpfenden Finnen im Zweiten Weltkrieg erstaunlich weitläufige Bunkeranlagen geschlagen haben. Heute veranstaltet die Jugend dort gelegentlich Disko-Abende.
Das Angebot Konstantins Banja zu nutzen, mussten wir leider ausschlagen da wir über Nacht die Weltkulturerbe-Klosterinsel Kizhi erreichen wollten. Es war ein herrliches Segeln bei Mond, farbenprächtigem Abend- und Morgenhimmel, raumschots Brise und ruhiger See. In den frühen Morgenstunden sahen wir schon von fern die Türmchen des Klosters, jetzt liegen wir vor Anker in Sichtweite und setzen gleich über an Land.

Carol und Crew

Gestern und heute Morgen beginnt unser Tag mit einem erfrischenden Bad in den karelischen Seen (18 Grad Wassertemperatur).
Unendlich weite Birken- und Fichtenwälder stehen bis an die Ufer, manchmal weht Fichtennadelduft übers Wasser. Trotz der gigantischen Weite der Landschaft ist die Fahrrinne eng, betonnt mit Priggen und Bojen. Einige wenige Fischer sind auf den malerischen Wassern unterwegs. Gelegentlich sehen wir eine Ortschaft am Festland, Holzhäuser, Bootsschuppen, die hohen Schornsteine der Kraftwerke, eine Eisenbahn rauscht am Ufer entlang.
Gestern hatten wir erst Regen, dann kam Wind auf und wir konnten wieder etwas segeln. Später wieder Sonne mit wunderbare Sonnenuntergang.
Von Schleuse zu Schleuse werden wir bis zu 8m angehoben, häufig zwei Kammern hintereinander. Der Belomorsk Kanal ist nur im Sommer befahrbar, von November bis April ist er zugefroren. Die Schleusen scheinen erst vor kurzem renoviert worden zu sein, die Tore bestehen nicht mehr aus Holz, sondern aus Stahl und sind mit reichlich Rostschutzfarbe gestrichen.
Heute lagen mitten im Fahrwasser Fischerleinen mit Grundstein und Schwimmkörper. Eine Weile war nicht klar, ob sich eine Leine verfangen hat, das ließ sich auch durch Tauchgänge nicht feststellen. Unterm Schiff war es schwarz wie die Nacht, was wohl dem Biomaterial der Wälder geschuldet ist. Erst als wir in der nächsten Schleuse mit der Maschine rückwärts gingen, schwamm der Schwimmkörper auf und wir konnten die Leine komplett mit Köder, aber leider ohne Fisch bergen.
Jetzt liegen wir in Schleuse 6, es geht wieder abwärts, für heute Abend peilen wir das Städtchen Povenec an, und damit das Ende des Weißmeerkanals.

Ein Highlight unserer Reise: Sonntag, 30.7., um 10 nach 1, also mitten in der Nacht, wo Sonnenuntergang und Sonnenaufgang ganz nah beieinanderliegen, laufen wir nach einem herrlichen Segeltag mit wenig Wind in den Hafen des Solovetzki-Archipels ein. Ein Ort für Beluga-Wale, von denen wir entfernt einige sehen, nur 6 Monate im Jahr eisfrei. Sommertourismus. Geschichtsträchtig.
Schon von weitem haben wir das Jahrhunderte alte Kloster entdeckt, einst ein Zentrum der russisch-orthodoxen Kirche, später Gefangenenlager, sowohl unter Lenin als auch unter Stalin. Hier entstand der erste und größte Gulag, etwa 50.000 Menschen sollen hier ihr Leben verloren haben durch Unterernährung, Typhus, menschenzerstörende Arbeit. Die Gefangenen mussten auch den Weißmeerkanal mit den vielen Schleusen bauen. Inzwischen ist das Kloster Weltkulturerbe, etwa 20 Mönche leben hier.
Bis in die frühen Morgenstunden sitzen wir im Salon mit einem Mückennetz über dem Niedergang, das gute Dienste tut.
Am Montagmorgen regnet es. Einen Teil der Klosterschätze können wir besichtigen, das meiste ist in Moskau oder St. Petersburg oder wurde eingeschmolzen. Nachmittags kommt die Sonne. Es ist Tag der Flotte, Marschmusik schallt über die Insel als wir wieder ablegen, um mit leichtem Wind nach Belomorsk zu segeln. Helmut meldet uns an für die Schleusen im Weißmeerkanal, natürlich auf russisch, wir gehen durch die Seeschleuse, Schleuse 19. Wir müssen von unserem Kanal 16 auf das Funkgerät für die russischen Binnenwasserstraßen wechseln. Nach der Schleuse wieder Klarierung bei der Kanalbehörde mit vielen Formblättern.
Wir machen einen Ausflug ins Zentrum von Belomorsk und weiter zu den Petroglyphen, Felsgravuren auf glatt geschliffenem Felsgestein, die Jahrtausende alt sein sollen.
Am Nachmittag dann weiter durch eine Eisenbahnbrücke die nur einmal am Tag öffnet und unter der Hochspannungsleitung durch, die nur wenig höher hängt als unser Mast. Wir kommen planmäßig ohne Berührung durch, trotzdem war es ein Moment mit Adrenalin und Nervenkitzel. Wir passieren dann die nächsten Schleusen. In den Schleusen ist Fotografieren verboten und das Schleusenpersonal – meist Frauen- ist mit Pistole und Kalashnikov bewaffnet. Also halten wir uns an die Regeln. Am Abend dann für die Nacht vor Anker an herrlich einsamem Waldufer. Die Moskitonetze sind Gold wert.

Carol und die Weißmeercrew












Die Dwina mit Flössern, Skyline Archangelsk, traditionelle Holzhäuser, Skulpturen