Gestern und heute Morgen beginnt unser Tag mit einem erfrischenden Bad in den karelischen Seen (18 Grad Wassertemperatur).
Unendlich weite Birken- und Fichtenwälder stehen bis an die Ufer, manchmal weht Fichtennadelduft übers Wasser. Trotz der gigantischen Weite der Landschaft ist die Fahrrinne eng, betonnt mit Priggen und Bojen. Einige wenige Fischer sind auf den malerischen Wassern unterwegs. Gelegentlich sehen wir eine Ortschaft am Festland, Holzhäuser, Bootsschuppen, die hohen Schornsteine der Kraftwerke, eine Eisenbahn rauscht am Ufer entlang.
Gestern hatten wir erst Regen, dann kam Wind auf und wir konnten wieder etwas segeln. Später wieder Sonne mit wunderbare Sonnenuntergang.
Von Schleuse zu Schleuse werden wir bis zu 8m angehoben, häufig zwei Kammern hintereinander. Der Belomorsk Kanal ist nur im Sommer befahrbar, von November bis April ist er zugefroren. Die Schleusen scheinen erst vor kurzem renoviert worden zu sein, die Tore bestehen nicht mehr aus Holz, sondern aus Stahl und sind mit reichlich Rostschutzfarbe gestrichen.
Heute lagen mitten im Fahrwasser Fischerleinen mit Grundstein und Schwimmkörper. Eine Weile war nicht klar, ob sich eine Leine verfangen hat, das ließ sich auch durch Tauchgänge nicht feststellen. Unterm Schiff war es schwarz wie die Nacht, was wohl dem Biomaterial der Wälder geschuldet ist. Erst als wir in der nächsten Schleuse mit der Maschine rückwärts gingen, schwamm der Schwimmkörper auf und wir konnten die Leine komplett mit Köder, aber leider ohne Fisch bergen.
Jetzt liegen wir in Schleuse 6, es geht wieder abwärts, für heute Abend peilen wir das Städtchen Povenec an, und damit das Ende des Weißmeerkanals.

Ein Highlight unserer Reise: Sonntag, 30.7., um 10 nach 1, also mitten in der Nacht, wo Sonnenuntergang und Sonnenaufgang ganz nah beieinanderliegen, laufen wir nach einem herrlichen Segeltag mit wenig Wind in den Hafen des Solovetzki-Archipels ein. Ein Ort für Beluga-Wale, von denen wir entfernt einige sehen, nur 6 Monate im Jahr eisfrei. Sommertourismus. Geschichtsträchtig.
Schon von weitem haben wir das Jahrhunderte alte Kloster entdeckt, einst ein Zentrum der russisch-orthodoxen Kirche, später Gefangenenlager, sowohl unter Lenin als auch unter Stalin. Hier entstand der erste und größte Gulag, etwa 50.000 Menschen sollen hier ihr Leben verloren haben durch Unterernährung, Typhus, menschenzerstörende Arbeit. Die Gefangenen mussten auch den Weißmeerkanal mit den vielen Schleusen bauen. Inzwischen ist das Kloster Weltkulturerbe, etwa 20 Mönche leben hier.
Bis in die frühen Morgenstunden sitzen wir im Salon mit einem Mückennetz über dem Niedergang, das gute Dienste tut.
Am Montagmorgen regnet es. Einen Teil der Klosterschätze können wir besichtigen, das meiste ist in Moskau oder St. Petersburg oder wurde eingeschmolzen. Nachmittags kommt die Sonne. Es ist Tag der Flotte, Marschmusik schallt über die Insel als wir wieder ablegen, um mit leichtem Wind nach Belomorsk zu segeln. Helmut meldet uns an für die Schleusen im Weißmeerkanal, natürlich auf russisch, wir gehen durch die Seeschleuse, Schleuse 19. Wir müssen von unserem Kanal 16 auf das Funkgerät für die russischen Binnenwasserstraßen wechseln. Nach der Schleuse wieder Klarierung bei der Kanalbehörde mit vielen Formblättern.
Wir machen einen Ausflug ins Zentrum von Belomorsk und weiter zu den Petroglyphen, Felsgravuren auf glatt geschliffenem Felsgestein, die Jahrtausende alt sein sollen.
Am Nachmittag dann weiter durch eine Eisenbahnbrücke die nur einmal am Tag öffnet und unter der Hochspannungsleitung durch, die nur wenig höher hängt als unser Mast. Wir kommen planmäßig ohne Berührung durch, trotzdem war es ein Moment mit Adrenalin und Nervenkitzel. Wir passieren dann die nächsten Schleusen. In den Schleusen ist Fotografieren verboten und das Schleusenpersonal – meist Frauen- ist mit Pistole und Kalashnikov bewaffnet. Also halten wir uns an die Regeln. Am Abend dann für die Nacht vor Anker an herrlich einsamem Waldufer. Die Moskitonetze sind Gold wert.

Carol und die Weißmeercrew












Die Dwina mit Flössern, Skyline Archangelsk, traditionelle Holzhäuser, Skulpturen







Liebe Leute im warmen Süden,
hier nun unser erster Bericht von der Unternehmung „Skandinavien Rund“, leider war unser SAT-Telefon nicht zu aktivieren, deshalb erst jetzt.

Eins war in Kirkenes wichtig: wir haben bei der Politi rechtzeitig ausklariert. Die Polizei macht Freitags nämlich um 14.00 Wochenende. Formblätter gab‘s nicht, da nur 1-2 Boote pro Jahr von Kirkenes Richtung Russland gehen. Also wurde auf die Crewliste gestempelt und handschriftlich bestätigt, dass wir ausklariert sind.

Freitagabend vor dem Start: herrliches Sonnenwetter, dann Mitternachtssonne, die wir durch eine Lücke zwischen zwei Bergen bewundern konnten. Die Yacht „Carpe Diem“ aus Richtung Archangelsk war in Kirkenes eingelaufen, Victor und Guido gaben uns gute Tipps, russische Karten und ein russisches River-Funkgerät. In Archangelsk bekommen wir später noch die Karten einer dänischen Yacht.
Aus dem Varangerfjord sind wir bei Schwachwind erst motort, dann gekreuzt. Wir haben Wale und einige Fischer gesehen, aber keine Frachter oder Yachten. Sturmvögel und einige Küstenseeschwalben waren unsere Begleitung. Die Kola-Halbinsel haben wir dank günstiger Winde schneller umrundet als erwartet. Aber es war grau, grau, grau, nie dunkel. Am Sonntag kam frischer Wind aus NE, wir konnten dann aber schon Kurs Richtung Weißmeer halten.
Frank hat sein Russisch aufpoliert und meldet sich bei der russischen Coastguard, wir bekommen aber keine Antwort. Wir bleiben außerhalb der 12 nm Zone und haben deshalb kein Problem mit Sperr- und Schießgebieten. Die Wassertemperatur liegt bei 4,5 oC, Luft 8 oC. Es wird diesig. Montag dann NE-Wind 5 Bft mit ruppiger See. Die Sicht wird schlechter. Der Wind raumt, wir machen gute Fahrt mit Großsegel und Genua. Reffen bei Böen bis 29 kn. Wir melden uns erneut bei der russischen Coastguard, aber die Antwort bleibt wieder aus. Da unser SAT nicht funktioniert, können wir auch keine email schicken oder telefonieren.
Dienstagmorgen segeln wir im Weißmeer, eingeschlossen in dichten Seenebel, um 04.30 reißt der Nebel plötzlich auf, es folgt strahlender Sonnenschein. Strom erst 1 kn gegenan, vormittags 1,5 kn Strom mit. Die Coastguard ruft uns an („Weapon von Bremen, Weapon von Bremen“), Frank antwortet auf Russisch, sie verstehen aber auch englisch. Um 7.20 Uhr sind wir von Nord nach Süd durch den Polarkreis gesegelt.
Am Mittwoch erreichen wir Archangelsk und fahren in einen Flußarm der Drina, in dem jede Menge Holzstämme geflößt werden. Das Einklarieren ist eine Geschichte für sich. Aber letztlich hat es geklappt und wir treffen unseren Kontaktmann Alexander, der uns zu unserem Liegeplatz ganz nah am Stadtzentrum lotst. Nach dem kalten Polarmeer Sonne, aber auch Hagel und Gewitterschauer.
In Archangelsk proviantieren wir neu und begleiten mit dem Wappen den Start der Solovetsky Regatta (25 Boote, 500 nm Regatta in 6 Etappen). Das beschert uns sogar einen Auftritt im russischen Fernsehen.
Freitagnachmittag machen wir endgültig die Leinen los, nachdem wir ein letztes Schaschlik genossen und Frischwasser gebunkert haben. Strahlender Sonnenschein, unser nächstes Ziel: die Solovetsky-Inseln im Weißen Meer, einst Archipel Gulag, heute wieder ein Kloster.

Grüße aus dem Weißmeer,
Carol und Crew
Percy, Carel, Mechthild
Frank, Christian, Sabine
Egbert, Henrik, Helmut